KÜNSTLERHAUS

BETHANIEN

Künstler*innen

Nicole Rafiki

Norwegen

Bild: Nicole Rafiki, We went back and fetched it, 2022, Foto: Thando Sikawuti

Nicole Rafikis interdisziplinäre Kunstwerke bewegen sich zwischen Fotografie und Perlenstickerei, Textilien und Text sowie der Verwendung alter und neuer Erinnerungsobjekte. Anstatt fertige Produkte als Endergebnis zu produzieren, behandelt Rafiki (*1989, Kongo) das Kunstschaffen als eine Praxis der Erinnerung, Heilung und kulturellen Analyse. Ihre Bilder verwenden oft künstlerische Strategien, die die Porträtierten vor einem westlichen anthropologischen Blick schützen. Mit Hilfe von Symboliken, Fabeln und anderen Werkzeugen webt sie eigene Formen des Visual Storytellings und der Oral History. In ihrer Arbeit wendet sich Rafiki Themen der erzwungenen Migration zu und tritt Kriegsgeistern gegenüber. Sie adressiert rassistische Wahrnehmungen von Schwarzsein und Weiblichkeit sowie verfestigte koloniale Traditionen räumlicher Macht und zeitlicher Auslöschung. Als Kind der kongolesischen Diaspora mit lokalen Verbindungen in verschiedenen Ländern Afrikas und Europas erforscht sie Formen der präkolonialen Verbundenheit, des globalen Austauschs und der Wissensvermittlung über zeitliche Grenzen hinweg.

Während ihres Aufenthalts in Berlin beschäftigt sich Rafiki mit der deutschen Kolonialgeschichte und ihren gegenwärtigen Folgen, deren Tragweite sie als „looted history“ beschreibt. Die Problematik gestohlener Kunstwerke und geraubter Kulturgüter, der Rafiki sich zuwendet, verweist auch auf die kolonialen Verstrickungen der Kunstgeschichte. Welche Urheber- und Eigentumsvorstellungen spielen heute noch eine Rolle, wenn die Nachkommen ihres Herkunftsortes Eintritt bezahlen müssen, um solche Kunstwerke in Museen sehen zu können?

An ihre Arbeit zu geteilten Weltgeschichten und generationsübergreifenden Formen der Erinnerung und Heilung anknüpfend, wendet Rafiki sich auch der Präsenz menschlicher Überreste in deutschen Museumssammlungen, medizinischen Forschungseinrichtungen und Universitäten zu, die aus der kolonialen Praxis des Sammelns menschlicher Körper im Namen der „Forschung“ hervorgegangen sind. Hier zeichnet Rafiki nach, wie entmenschlichende Logiken auch heute noch in kulturellen Institutionen wirken, wenn die Knochen von Vorfahren als „Artefakte“ oder „wissenschaftliches Eigentum“ verstanden werden. Rafiki ergründet durch unterschiedliche Formen mündlicher Geschichtsüberlieferung die Variantenvielfalt von Erzählungen, die transportieren, wie Dinge gefühlt und körperlich wahrgenommen werden, anstatt in die immer wieder gleiche Sprache hegemonialer Geschichtsschreibung zu verfallen.

AUFENTHALT
07.01. – 15.11.2022