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Benefiz
Blutbank
Christoph Tannert und Toni Lebkücher beim Blutspenden im Martin-Gropius-Bau
Am 27.6. hatte der Rat der Künste zu einer Benefiz-Blutspende aufgerufen. "Alle Berliner Kunstschaffenden", so der Appell, sollten denen helfen, die die Berliner Kultur ins Elend gestoßen hatten. Wenn Die Bankgesellschaft "krank" ist, so die tägliche Metaphorik der Meinungsmacher, und Berlins "ausgebluteter" Haushalt gesundgespart werden muß; wenn alle "Opfer" bringen müssen, wenn die Verhältnisse schmerzlich sind - dann sollten die Künstler, Literaten oder Intendanten dem siechen Patienten helfen. Wer nichts hat, kann noch sein Blut geben. Und für das gibt es 20 Euro pro Spende.
Die Abbildung zeigt Toni Lebkücher, den technischen Leiter des Künstlerhauses Bethanien, bei der Blutspende im Lichthof des Martin-Gropius-Baus. Ob ihm durch seinen Geschäftsführer medizinaler Beistand oder direktorale Anleitung zuteil wird, bleibt unklar - die Mine Christoph Tannerts (li.) verrät in Zeiten elementarer Not nur disziplinierte Entschlossenheit.
Im Hintergrund demonstrieren Pressereferentin und Verwaltung gegen "vorsätzliche Geistesabwesenheit". Alle tragen die "Bitterflierl"-Edition des Künstlerhauses Bethanien.
Unter der Aufsicht von Prof. Dr. Dr. Holger Kiesewetter, dem Leiter des Instituts für Transfusionsmedizin an der Berliner Charité, sollten so das Kulturopfer gebracht werden, von dem der Senat sich eine Verbesserung der maroden Verhältnisse erhofft. Die Kunst rettet die Bank. Eine Nothilfe, der sich auch das Künstlerhaus Bethanien nicht entziehen konnte.


"Einem zufällig vorbeischauenden Besucher des Martin-Gropius-Baus bot sich gestern ein erschreckendes Bild: die Kulturvertreter Berlins auf dem Krankenlager nieder gestreckt, siechend. Intendanten lecken ihre Wunden, Literaten halten einander Händchen, spenden Trost. Adrienne Goehler fächelt einem leichenblassen Bernd Wilms immer wieder Luft zu. Von der Galerie tönt ein klagendes Lied auf die Verwundeten hinab. Und Blut, überall Blut! Es heißt ja immer wieder, dass der Sparhaushalt viele Opfer fordert, so konkret jedoch hatte sich das bisher wohl niemand ausmalen wollen.
Aber gemach. Ein genauerer Blick identifiziert das Blut als Konserve und die versammelten Kultur-Kranken als dessen Spender. Hier ist keiner kampfesmüde, die letzte Schlacht gegen den Sparhaushalt ist noch lange nicht geschlagen. Im Gegenteil, die Kriegstaktik wird neu ausgerichtet: Wenn Berlin wegen des Finanzdesasters um die Berliner Bankgesellschaft kein Geld für die Kultur hat, muss die Kultur eben die Bankgesellschaft sanieren.
Wie schon viele Einzelpersonen in schwieriger finanzieller Situation, besann sich auch der Rat für die Künste in Berlin auf die Aufwandsentschädigung von 20 Euro, die der Charité eine Blutspende wert ist und rief "alle Berliner Kunstschaffenden" gestern zur Blutspende - für die Berliner Bankgesellschaft.
"Es kann nicht sein, dass die Kultur für die Defizite der Bankgesellschaft haften muss", sagt Roland Brus, der gemeinsam mit Detlev Schneider Kurator des Rates ist. Brus will die Aktion aber durchaus nicht nur als medienwirksame Metapher für die finanziell ausblutende Berliner Kulturszene verstanden wissen. Die rund 2 000 erspendeten Euro, sollen tatsächlich "als erste Hilfe in schwerer Zeit" an die Bankgesellschaft übergeben werden. Angesichts deren Milliardendefizits kann Brus diesen Tropfen auf den heißen Stein allerdings nur als zynischen Verweis auf die Kulturausgaben Berlins im Vergleich zum Milliardenhaushalt der Stadt verstanden wissen wollen. Den Stoffwechsel der Berliner Politik solle die Aktion anregen, fügt Brus noch hinzu, ohne jedoch diese Aussage, die so hübsch ins blutige Bild passt, zu konkretisieren.
Die versammelten Blutspender waren sich angesichts der "unerträglichen Situtation der Berliner Kulturbetriebe" darüber einig, dass der Regierung auch der Wille fehlt, diesen Bereich endlich als die Visitenkarte Berlin anzuerkennen und zu retten. Sie, die Künstler hingegen, seien erklärtermaßen bereit, bis auf den letzten Tropfen Blut alles zu geben. Mehr als den üblichen halben Liter wollten die Ärzte und Schwestern der Charité gestern aber dann erstmal doch nicht annehmen.
"

Gregor Schlosser in der "Berliner Zeitung" vom 28. Juni 2002

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